EN 1822

Die europäische Norm für EPA-, HEPA- & ULPA-Schwebstofffilter

0. Kurzübersicht

EN 1822 ist die europäische Norm für hocheffiziente Partikelluftfilter – die sogenannten EPA-, HEPA- und ULPA-Schwebstofffilter. Sie definiert die weltweit bekanntesten Filterklassen E10, E11, E12, H13, H14, U15, U16 und U17 und deckt Abscheidegrade von 85 % bis 99,999995 % ab. Die Klassifizierung erfolgt am sogenannten MPPS (Most Penetrating Particle Size) – der Partikelgröße, bei der das Filtermedium seinen geringsten Abscheidegrad aufweist. Seit 2019 verweist EN 1822 für alle Prüfverfahren (Teile 2–5) vollständig auf die internationale Norm ISO 29463, behält aber ihr eigenes, in der Branche fest etabliertes Klassifizierungssystem bei.

Aktuelle Ausgaben der Norm:

Norm / Teil Inhalt Aktuelle Ausgabe
EN 1822-1 Klassifizierung, Leistungsprüfung, Kennzeichnung (E10–U17) 2019
ISO 29463-2 Aerosolerzeugung, Messgeräte, Partikelzählstatistik 2018 (ersetzt EN 1822-2)
ISO 29463-3 Prüfung von Filtermedien als Flachprobe 2018 (ersetzt EN 1822-3)
ISO 29463-4 Leckprüfung – Scan-Verfahren 2018 (ersetzt EN 1822-4)
ISO 29463-5 Prüfverfahren für Filterelemente (MPPS-Abscheidegrad) 2018 (ersetzt EN 1822-5)
ISO 29463-1 Internationale Klassifizierung (13 Klassen ISO 15E–ISO 75U) 2024 (3. Revision)

 

1. Geschichte der EN 1822 – Europas Antwort auf MIL-STD-282

Die Entwicklung hocheffizienter Partikelfilter begann Ende der 1940er-Jahre im Rahmen des Manhattan-Projekts und der militärischen Gasmaskenforschung. Das erste standardisierte Prüfverfahren – die amerikanische Militärnorm MIL-STD-282 (1956) – verwendete einen DOP-Aerosoltest bei einer festen Partikelgröße von 0,3 µm. Diese Methodik war bahnbrechend, aber physikalisch vereinfacht: Der Abscheidegrad wird nicht bei einer fixen Partikelgröße minimal, sondern bei einer medienspezifischen Größe – dem MPPS.

Europa erkannte diesen Nachteil und veröffentlichte 1998 die erste Ausgabe der EN 1822. Die Norm führte erstmals ein leistungsbasiertes Klassifizierungssystem auf MPPS-Grundlage ein – ein fundamentaler Fortschritt gegenüber der Fixierung auf 0,3 µm. Gleichzeitig etablierte EN 1822 den Scan-Test als Referenzmethode für die Leckprüfung: Jeder einzelne HEPA- und ULPA-Filter wird zerstörungsfrei über seine gesamte Oberfläche abgescannt, um auch kleinste lokale Leckstellen zu erkennen.

Die aktuelle Fassung EN 1822-1:2019 modernisiert die Klassifizierung und verweist für sämtliche Prüfverfahren auf die ISO 29463-Reihe (Teile 2–5). Die EN 1822-Klassen E10 bis U17 bleiben unverändert bestehen – sie sind in Ausschreibungen, GMP-Richtlinien, Reinraumspezifikationen und Leistungsverzeichnissen weltweit fest verankert.

2. Das MPPS-Prinzip – Kernkonzept der EN 1822

Das Konzept der Most Penetrating Particle Size (MPPS) ist das zentrale Unterscheidungsmerkmal der EN 1822 gegenüber älteren Prüfverfahren. Luftfilter nutzen mehrere physikalische Abscheidemechanismen gleichzeitig:

Abscheidemechanismus Wirksam für Effizienz bei kleinen Partikeln
Trägheitsimpaktion Große Partikel > ca. 1 µm Gering
Interzeption (Sperreffekt) Mittlere Partikel ~0,5–2 µm Mittel
Diffusion (Brownsche Bewegung) Sehr kleine Partikel < ca. 0,3 µm Hoch (steigt mit abnehmender Größe)
Elektrostatische Anziehung Alle Größen (medienabhängig) Variabel, nicht dauerhaft zuverlässig

Im Zusammenspiel dieser Mechanismen entsteht ein Effizienzminimum – der MPPS – typischerweise im Bereich von 0,1 bis 0,3 µm. Ein H13-Filter, der an seinem MPPS einen Abscheidegrad von 99,95 % erreicht, schneidet für alle anderen Partikelgrößen besser ab. EN 1822 bestimmt den MPPS individuell für jeden Filtertyp und klassifiziert anhand des genau an diesem Punkt gemessenen Abscheidegrades. Das Ergebnis ist ein physikalisch ehrlicher Worst-Case-Wert – kein optimistisches Ergebnis bei einer willkürlich gewählten Prüfpartikelgröße.

 

EN 1822 MPPS-Diagramm – Abscheidegrad vs. Partikelgröße für HEPA-Filter, Most Penetrating Particle Size, Diffusion und Impaktion, H13-Grenzwert 99,95 %

Die MPPS-Effizienzkurve eines HEPA-Filters nach EN 1822: Der Abscheidegrad erreicht sein Minimum bei ca. 0,15 µm – der Most Penetrating Particle Size. Unterhalb dominiert Diffusion; oberhalb übernehmen Impaktion und Interzeption. Die gestrichelte Linie markiert den EN 1822 H13-Grenzwert bei 99,95 %. Ein Filter besteht die Klasse H13 nur, wenn sein Abscheidegrad am MPPS diesen Grenzwert erreicht oder übertrifft.

 

3. Die EN 1822-Filterklassen im Detail

EN 1822-1:2019 definiert acht Filterklassen in drei Gruppen:

EN 1822
Klasse
Gruppe Integraler Abscheidegrad
(Gesamt am MPPS)
Max. lokale
Durchlässigkeit
ISO 29463
Äquivalent
E10 E (EPA) ≥ 85 % (kein ISO-Äquivalent)
E11 E (EPA) ≥ 95 % ISO 15 E
E12 E (EPA) ≥ 99,5 % ISO 25 E
H13 H (HEPA) ≥ 99,95 % ≤ 0,25 % ISO 35 H
H14 H (HEPA) ≥ 99,995 % ≤ 0,025 % ISO 45 H
U15 U (ULPA) ≥ 99,9995 % ≤ 0,0025 % ISO 55 U
U16 U (ULPA) ≥ 99,99995 % ≤ 0,00025 % ISO 65 U
U17 U (ULPA) ≥ 99,999995 % ≤ 0,0001 % ISO 75 U

Wichtige Anmerkungen zur Klassenstruktur:

  • E10 ist exklusiv EN 1822 – die internationale Norm ISO 29463 beginnt erst bei 95 % (ISO 15E, äquivalent E11). Für E10-Anforderungen (85–95 %) ist EN 1822 die einzige maßgebliche Schwebstofffilternorm.
  • EPA-Filter (E10–E12) werden durch statistische Stichprobenprüfung klassifiziert; ein Scan-Test ist nicht erforderlich.
  • HEPA- und ULPA-Filter (H13–U17) werden einzeln geprüft – jedes Filterelement erhält sein eigenes Prüfzertifikat mit integralem Abscheidegrad und lokaler Durchlässigkeit aus dem Scan-Test.
  • EN 1822-1:2019 verschärft die Anforderungen gegenüber ISO 29463: Sie verbietet ausdrücklich die Verwendung von Aerosol-Photometern für die Leckprüfung und schreibt den Scan-Test mit Partikelzähler für alle H- und U-Klassen vor.

4. Der Scan-Test – Herzstück der EN 1822-Prüfung

Das Scan-Verfahren ist das Referenzprüfverfahren der EN 1822 für HEPA- und ULPA-Filter. Ein Partikelzähler fährt systematisch die gesamte Filteroberfläche ab – Filtermedium, Rahmenverklebung und Dichtungssitz – und erfasst lokale Durchlässigkeitswerte auf einer definierten Rasterauflösung.

Der Scan-Test erkennt zuverlässig:

  • Gebrochene oder beschädigte Mikroglasfasern im Medium
  • Pinholes und Fehlstellen im Filterpack
  • Fehlerhafte Verklebung zwischen Medium und Rahmen
  • Undichtigkeiten am Dichtungssitz

Ein Filter besteht die Leckprüfung nur, wenn kein einziger Messpunkt auf der gesamten Filterfläche den maximal zulässigen lokalen Durchlässigkeitswert seiner Klasse überschreitet. Für einen H13-Filter bedeutet das: An keiner Stelle darf die lokale Durchlässigkeit 0,25 % übersteigen. Diese Anforderung ist weitaus strenger als eine reine Integralprüfung – ein Filter kann einen hervorragenden Gesamtabscheidegrad haben und dennoch durch eine einzige lokale Fehlstelle durchfallen.

EN 1822 Scan-Teststand für Leckprüfung von HEPA- und ULPA-Filtern bei HS-Luftfilterbau GmbH Kiel

Der EN 1822 Scan-Teststand bei HS-Luftfilterbau GmbH in Kiel: Jeder HEPA- und ULPA-Filter wird einzeln und zerstörungsfrei auf integralen Abscheidegrad und lokale Leckstellen geprüft – von Standard-610×610-mm-Elementen bis zu Sondergrößen für Reinräume, Offshore-Plattformen und Kernkraftwerke.

5. EN 1822 und ISO 29463 – Koexistenz zweier Normensysteme

EN 1822 und ISO 29463 sind keine konkurrierenden Normen, sondern zwei Ebenen desselben Systems:

  • EN 1822-1:2019 definiert die Filterklassen E10 bis U17 und ist die maßgebliche Norm für die Klassifizierung und Kennzeichnung in Europa. Diese Klassenbezeichnungen – insbesondere H13 und H14 – sind weltweit in GMP-Richtlinien, Ausschreibungen und Reinraumnormen verankert.
  • ISO 29463 (Teile 2–5) liefert die Prüfverfahren, auf die EN 1822-1:2019 vollständig verweist. In der Praxis bedeutet dies: EN 1822-Klassifizierung + ISO 29463-Prüfmethodik.
  • ISO 29463-1:2024 definiert zusätzlich ein eigenständiges internationales Klassifizierungssystem mit 13 Stufen (ISO 15E bis ISO 75U). Dieses wird primär in Regionen verwendet, in denen EN 1822-Klassen nicht gebräuchlich sind – etwa USA, Japan und Südostasien.

Wesentliche Unterschiede zwischen EN 1822 und ISO 29463:

Kriterium EN 1822-1:2019 ISO 29463-1:2024
Geltungsbereich Europa (CEN) International (ISO)
Filterklassen 8 Klassen: E10–U17 13 Klassen: ISO 15E–ISO 75U
Untergrenze 85 % (E10) 95 % (ISO 15E) – kein E10-Äquivalent
Obergrenze 99,999995 % (U17) 99,999995 % (ISO 75U)
Scan-Test Anforderung Strenger – nur Partikelzähler zugelassen, Photometer ausdrücklich verboten Photometer für bestimmte Klassen noch zulässig
Prüfverfahren (Teile 2–5) Verweist auf ISO 29463 Eigenständig definiert
Verbreitung in Ausschreibungen Dominant – H13/H14 global referenziert Zunehmend in Asien-Pazifik

Ein H14-Filter nach EN 1822 (integraler Abscheidegrad ≥ 99,995 % am MPPS) entspricht in der ISO 29463-Systematik der Klasse ISO 45 H. Die Zuordnung ist jedoch nicht immer 1:1 – ISO 29463 kennt beispielsweise die Zwischenklassen ISO 20E, ISO 25E und ISO 30E, die in EN 1822 keine direkte Entsprechung haben.

6. Prüfzertifikate – Warum jeder EN 1822-Filter einzigartig ist

Ein bestimmendes Merkmal der EN 1822: HEPA- und ULPA-Filter werden nicht stichprobenartig, sondern einzeln und zerstörungsfrei geprüft. Jedes Filterelement der Klasse H13 und höher erhält ein individuelles Prüfzertifikat mit:

  • Integralem Abscheidegrad am MPPS (Gesamteffizienz)
  • Lokaler Durchlässigkeit aus dem Scan-Test (maximaler Einzelwert über die gesamte Filterfläche)
  • Druckverlust bei Nennvolumenstrom
  • Seriennummer und eindeutiger Chargenzuordnung

Dieses Prüfzertifikat ist kein bloßer Qualitätsnachweis – es ist ein regulatorisches Dokument. In pharmazeutischen Anlagen unter EU GMP Annex 1, in Kernkraftwerken unter KTA 3601 und in Reinräumen nach ISO 14644 wird das Werkszertifikat bei der In-situ-Prüfung vor Ort als Referenz herangezogen. Filter ohne vollständiges EN 1822-Einzelprüfzertifikat dürfen in diesen regulierten Umgebungen nicht eingesetzt werden.

EN 1822 H14 HEPA-Filter HS-Mikro SF-AL mit Geldichtung für Reinräume und Pharmaproduktion

Abgebildet: HS-Mikro SF-AL HEPA-Filter mit Geldichtung – einzelgeprüft nach EN 1822, zertifiziert für pharmazeutische Reinräume, GMP-Anlagen und Isolatoren. Details unter www.luftfilterbau.de.

7. Anwendungen: Wo EN 1822-Filter gefordert werden

Anwendung Typische EN 1822-Klasse Relevante Vorschrift
Pharmazeutische Sterilherstellung, Abfülllinien H14 EU GMP Annex 1 (2022), ISO 14644-1
Reinräume ISO-Klasse 1–5 (Halbleiter, Optik) U15–U17 ISO 14644-1/-3, SEMI-Normen
Reinräume ISO-Klasse 5–8 (allgemein) H13–H14 ISO 14644-1, VDI 2083
Operationssäle, Intensivstationen H13–H14 DIN 1946-4, HTM 03-01 (UK)
Kerntechnik / radioaktive Filtration H13–H14 (Sonderanforderungen) KTA 3601, IAEA-Normen
Biosicherheitslabore BSL-3 / BSL-4 H14 WHO Laboratory Biosafety Manual, EN 12469
Offshore-Wind / Gasturbinen-Zuluft E11–H14 (je nach Stufe) EN 1822, ISO 29461
Lebensmittel- und Getränkeproduktion H13–H14 IFS, BRC, HACCP-Richtlinien

HS-Luftfilterbau GmbH fertigt und prüft HEPA- und ULPA-Filter nach EN 1822 für sämtliche Anwendungsbereiche – von Standardelementen für Reinraumdecken bis zu individuellen Sonderkonstruktionen für Offshore-Plattformen, Pharma-Isolatoren und kerntechnische Anlagen. Mehr unter www.luftfilterbau.de.

8. EN 1822 im Kontext mehrstufiger Filteranlagen

HEPA-Filter nach EN 1822 bilden in der Praxis die Endstufe mehrstufiger Lüftungs- und Klimaanlagen. Die Vorfilterstufen werden nach ISO 16890 klassifiziert – von ISO Coarse (Grobfilter) über ISO ePM10 und ISO ePM2,5 bis zu ISO ePM1 (Feinstfilter). Die Grenze zwischen den Normenbereichen:

  • ISO 16890 reicht bis ISO ePM1 >95 %, was grob der EN 1822-Klasse E10 entspricht.
  • EN 1822 beginnt bei E10 (≥ 85 % am MPPS) und reicht bis U17 (≥ 99,999995 %).
  • Für molekulare Gasbelastungen (VOC, Ozon, Gerüche) ergänzt ISO 10121 die Partikelfilternormen.

Die korrekte Vorfilterauslegung ist entscheidend für die Standzeit und Wirtschaftlichkeit der HEPA-Endstufe. HS-Luftfilterbau GmbH konstruiert und liefert sämtliche Filterstufen aus einer Hand – von ISO ePM1-Taschenfiltern bis zu U17-Schwebstofffiltern – und berät bei der optimalen Stufung.

9. Verwandte Normen und Vorschriften

Norm Bezug zu EN 1822
ISO 29463 Internationales Pendant; Prüfverfahren (Teile 2–5) sind identisch, Klassifizierung feiner abgestuft (13 Klassen)
ISO 16890 Vorfilter und allgemeine Raumlufttechnik – die Stufe unterhalb HEPA
ISO 10121 Molekulare Gas-Phasen-Filter (Adsorption, Chemisorption) – ergänzt EN 1822 um die Gas-Filterkomponente
ISO 29461 Ansaugluftfilter für Gasturbinen – setzt in der Endstufe häufig auf EN 1822-klassifizierte HEPA-Elemente
ISO 14644-1/-3 Reinraumklassifizierung ISO 1–9; Teil 3 definiert die In-situ-Filterprüfung im eingebauten Zustand
EU GMP Annex 1 (2022) Sterile Arzneimittelherstellung; H13/H14-Filter ausdrücklich vorgeschrieben
KTA 3601 Kerntechnische Sicherheitsregel für Lüftungsanlagen in Kernkraftwerken
DIN 1946-4 Lüftungsanlagen in Krankenhäusern; Anforderungen für OP- und Intensivpflegebereiche
VDI 2083 Reinraumtechnik; umfassende Richtlinie für Planung, Bau und Betrieb
MIL-STD-282 (USA) Historische US-Prüfnorm; Vorgänger des MPPS-Konzepts, in vielen US-Anwendungen noch normativ
EN 12469 Mikrobiologische Sicherheitswerkbänke; H14-Filter für Klasse-II- und -III-Werkbänke vorgeschrieben